Dienstag, 13. August 2013

die drehscheibe leben

Vorgestern ist ein Onkel von mir verstorben. Ich habe ihn nicht wirklich gut gekannt. Er kam aus Italien (Apulien) und war der "angeheiratete" Onkel (der Schwager meines Vaters). Mit meiner Tante habe ich auch kaum Kontakt, geschweige denn mit meinen drei Cousins.
 
Mein Vater hatte nie Streit mit seiner Schwester (also meiner Tante) und doch haben wir uns kaum gesehen. Sie wohnen in Apulien nicht weit weg von uns, aber irgendwie ist es so gelaufen und es hat für alle so gestimmt. Der grösste Teil der Familie lebt im gleichen Dorf und da läuft man sich schon eher über den Weg.
 
Diese Tante und der verstorbene Onkel haben eine Glacéproduktion geleitet, waren stets am Krampfen. Meine drei Cousins (im Alter von mir und meiner Schwester, so zwischen 23 und 26, sowie der jüngste 16 Jahre jung) haben auch früh mithelfen müssen und der Kontakt besteht eher über Internet und auch nur über meine Schwester (weil sonst niemand aus meiner Familie in einem Portal registriert ist).
 
Diesen verstorbenen Onkel habe ich vielleicht vor drei Jahren das letzte Mal gesehen und davor auch nie wirklich regelmässig. Er hatte Krebs und es ging ihm in den letzten Jahren nicht wirklich gut. Klar, es ist kein Alter zum sterben, das überhaupt nicht, und doch finde ich es „gut“, durfte er endlich „gehen“. Niemand weiss, wie stark seine Schmerzen waren, aber mein Vater hat ihn dieses Jahr noch gesehen und gemeint, der Bauch von diesem Onkel hätte ausgesehen, als wären drei Fussbälle nebeneinander drin gelegen. Freitag hat angeblich eine Operation stattfinden müssen, aus der er nicht mehr aufgewacht ist. Das Krankenhauspersonal hat ihn in ein künstliches Koma versetzen müssen.
 
So sehr es hier teilweise Schlagzeilen über Ärzte etc. gibt… es ist immer noch kein Vergleich mit den Umständen in Apulien. Dort ist man wirklich nichts wert. Mein einzig hier verbliebener Onkel  zum Beispiel hatte vor Jahren einen Autounfall. Im Spital hat er nicht einmal saubere Kleidung erhalten, sie haben ihn einfach so blutverschmiert und dreckig wie er war ins Bett gelegt und das Nötigste "verarztet".

Sobald jemand im Sterben liegt, wird er nach Hause geschickt, da werden keine Überlebensmassnahmen mehr getätigt. Klar, es hat damit zu tun, dass dort Menschen anders beerdigt werden. Meist am Tag danach, da geht alles ganz schnell. Darum war es auch so kritisch mit meinem Nonno. Sobald es ihm schlechter gegangen war, hatten mein Vater und meine zwei Onkel (jetzt lebt nur noch ein lediger hier…) ein Telefon erhalten. Innerhalb von 1 Stunde waren sie bei uns versammelt und sind dann auch in den Süden gebrettert.
 
Ich will mir nicht vorstellen, wie das ist, wenn nun ein Teil der Familie sterben sollte, welcher mir näher steht. Es soll nicht gemein klingen, aber mit oben verstorbenen Onkel habe ich in meinem ganzen Leben vielleicht drei, vier Sätze gewechselt. Klar, zu Beginn hat man sich noch auf Familienfeiern gesehen, aber auch nur, damit sich die jungen Cousinen und Cousins sehen und miteinander spielen konnten. Und doch stehen mir andere Familienmitglieder viel Näher. So ist für mich klar, dass ich auch mitdüsen werde, wenn es Nonna mal schlechter gehen sollte… oder meinem Lieblingsonkel und meiner Lieblingstante, die leider auswandern mussten nach Apulien vor ein paar Jahren.
 
So hart es klingen mag: ich bin der Überzeugung, dass dieser verstorbene Onkel endlich von seinem Leiden erlöst worden ist und es ihm jetzt viel besser geht. Wo auch immer er sein mag, es wird ihm gut gehen. Ich habe in den letzten Tagen ein wenig vermehrt an ihn gedacht und einfach gehofft, dass er nun wirklich schmerzfrei auf den Rest seiner Familie warten kann und während dieser Zeit gut auf sie Acht gibt.
 
Klar, es ist blöd, bin ich genau in zwei Wochen in Italien. Ich weiss ja nicht, wie mich die Menschen dann empfangen werden, wobei kaum jemand wirklichen Kontakt mit dieser Familie hat(te). Und es soll jetzt auch nicht wehleidig klingen, aber ich habe schon ein wenig Angst vor der Konfrontation mit meiner Tante und meinen Cousins. Einerseits habe ich sie lange nicht gesehen und andererseits war ich nie bei ihnen, sobald ich alleine war. Immer nur mit meinem Vater bzw. mit meinen Eltern.
 
Zudem ist es ein Besuch nach dem Todesfall und ich weiss, dass ich gehen werde. Es liegt in meiner Moral, dass ich persönlich vorbei gehen  und mein Beileid aussprechen werde. Etwas anderes lasse ich nicht zu, das ist für mich einfach ein Muss. Und doch ist da dieses Thema Tod  in der Familie. Und wer meine Vorgeschichte kennt, weiss, dass ich damit nicht wirklich umgehen kann.
 
Der Todesfall meines Grossvaters liegt Jahre zurück und ich habe ihn mittlerweile (wenn auch sehr spät erst nach 10 Jahren aufwärts…) verarbeiten können. Es geht langsam immer besser und doch ist das Thema Tod etwas, welches ich zu vermeiden versuche.
 
Schon fast grotesk, kämpfe ich sporadisch mit Suizidgedanken, wobei dies in den letzten Monaten kein Thema mehr für mich war, egal, wie schlecht es mir ging. Immerhin ein grosser Fortschritt! Und doch verschlägt es mir die Sprache, wenn ich mit einem Todesfall konfrontiert werde. Ich weiss dann meist nicht, was sagen und was tun. Das wird mir auch eine Aufgabe :-(… Aber ich gehe persönlich vorbei. Wahrscheinlich gibt mir Mutti sowieso etwas für die Familie mit auf den Weg…

Es ist hart. Vor allem bestimmt für meine Cousins. Ich finde, ein Elternteil viel zu früh gehen lassen zu müssen einen schrecklichen Gedanken. Und wenn eine Familie so richtig gefestigt ist, ist es umso schwieriger. Ich möchte, dass meine Eltern noch lange leben bleiben.

Und doch, so hart es klingen mag: das Leben wird auch dann weitergehen. Der Kollege meines Bruders hat seinen Bruder bei einem Töffunfall verloren. Dieser war nicht einmal 19 Jahre jung geworden. Diesem Kollege geht es erstaunlich gut und er lebt sein Leben weiter. Und da sieht man, dass ein grosser Teil der Trauerarbeit darin liegt, den Menschen loslassen zu können. Und bei meinem Grossdäddi habe ich es vor allem mit dem Loslassen geschafft. Klar, bei mir war es noch etwas anderes, mein Grossvater hatte Krebs und somit ist er auch vom Leiden erlöst worden. Aber mir hat vor allem der Gedanke daran geholfen, dass wir uns wieder sehen werden. Ganz bestimmt.

Nur nicht jetzt...

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